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Dies ist die Website von Benjamin Jörissen, Erziehungs- wissenschaftler und Medienforscher, Universität Erlangen-Nürnberg. Auf dieser Seite finden Sie mein Weblog sowie Informationen und Materialien zu meinen akademischen Aktivitäten.

Kommentare

    “Keine Bildung ohne Medien!”-Resümee: Medienpädagogik artikuliert sich – ein wichtiger Schritt

    Während der erste Tag des medienpädagogischen Kongresses “Keine Bildung ohne Medien!” der intensiven Diskussion der medienpädagogischen Fachöffentlichkeit gewidmet war, sollte der zweite Tag dazu dienen, diese Forderungen mit Vertretern aus der Politik zu diskutieren. Dafür, dass der Kongress nicht zuletzt deswegen eigens in Berlin veranstaltet wurde, war die Beteiligung seitens der Politik durchaus enttäuschend.

    - Nein, ich muss korrigieren: als jemand, der von Anfang an an dieser Sache beteiligt war, bin ich im Wortsinn nicht enttäuscht, denn, mal ehrlich: wer hätte etwas anderes erwartet? Dennoch sehe ich den Kongress als großen Erfolg und großen Schritt nach vorn: Er hat verschiedenste medienpädagogische Gruppen und Personen  unter einem gemeinsamen Interesse zusammengebracht, hat einen breiten Diskurs angestoßen, hat viele neue Netzwerke etabliert und vor allem gezeigt, dass MedienpädagogInnen auf breiter Basis, von den Praktikern über Organisationsvertreter bis zu Akademikern nicht bereit sind, zu (medien-) bildungspolitischen Fehlentwicklungen und Problemen weiterhin zu schweigen. Ich glaube nicht, dass man uns seitens der Politik nach dieser Veranstaltung noch wird ignorieren können. Dies war aus meiner Sicht das primäre Ziel dieser Veranstaltung.

    Kernforderungen wurden artikuliert wie beispielsweise die Forderung nach der Verankerung einer Mediengrundbildung in der Ausbildung von Lehrern und PädagogInnen (z.B. Sozialpädagogik), die Forderung nach einer Umstellung auf nachhaltige medienpädagogische Förderung statt kurzläufiger Projekte und die Forderung nach medialen Lernkulturen in Schulen und Hochschulen und auch in der frühkindlichen Bildung. Auf Initiative von Jürgen Ertelt (Jugend Online, IJAB) wurden bereits erste AG-Ergebnisse für die Enquete Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ aufbereitet (Twitter-Hashtag der Kommission: #eidg). (Ertelt zeigt sich im übrigen durchaus enttäuscht vom Kongress: http://ertelt.posterous.com/47423392.)

    Was insgesamt am zweiten Tag vielleicht zu kurz kam, war die Forschungsperspektive: Woher soll man in der Unübersichtlichkeit der aktuellen rasanten medialen Entwicklungen wissen, wo anzuknüpfen ist? Während auf Bundesebene die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Medienbildung und Medienkompetenzförderung seit Jahren betont wird, streichen die Länder dessen ungeachtet forschende (v.a. Universitäts-) Medienpädagogik-Professuren ein, statt diese auszuweiten. In den letzten Jahren waren dies die Professuren von Spanhel (Erlangen-Nürnberg), Bachmair (Kassel), Pietraß (PH Freiburg), und auch die Professur des längst emeritierten Werner Sesink (Darmstadt) ist bisher nicht neu ausgeschrieben worden. Wir brauchen nicht nur Forschungsinstitute, sondern auch forschende Professuren, um bspw. überhaupt valide Forschungsmethoden und -designs für die hochkomplexen Architekturen und Sozialformen in den Neuen Medien zu finden.

    Ein stimmungsvoller Veranstaltungsort: der Lichthof im Hauptgebäude der TU Berlin

    Stimmungsvoller Veranstaltungsort: Der Lichthof des Hauptgebäudes der TU Berlin (cc-by-nc 3.0)

    Im Detail sind einige Dinge am zweiten Tag nicht so gut gelaufen. Ein großes Problem war, dass die am Tag zuvor erstellten Stellungsnahmen der dreizehn AGs – die ja die Aufgabe hatten, den zweiten Tag inhaltlich vorzubereiten -, erst gegen Mittag vorlagen. Es ist sehr schwer nachvollziehbar, und darin kann ich die Frustration vieler Teilnehmer gut verstehen, dass eine Sammlung von 13 Word-Dateien nicht noch am selben Abend ins (immer noch für die Teilnehmer nicht per WLAN erreichbare) Web gestellt wird; von einer Aggregation der Forderungen oder zumindest einer Beamer-Projektion ganz zu schweigen (s. diesen interessanten Blobeitrag). (Zugegeben, Kongressorga ist hochkompliziert, und wer kritisiert, soll es erstmal besser machen; dass allerdings niemand sich darum gekümmert hat, das gut ausgebaute WLAN-Netz erreichbar zu machen, ist eher ein no go, weil es Selbstorganisationsmöglichkeiten erheblich erschwerte.) So blieben viele Inhalte der AG-Arbeit vom Vortag unerwähnt, als die erste Podiumsdiskussionen (im aus meiner Sicht üblich-ineffizienten Format, aber was soll ich sagen …) ablief. Sehr dankbar konnte man daher Helga Theunert und  Ulrike Wagner sein, die am Nachmittag die Dialogrunde II moderierten (Theunert) und zusammenfassten (Wagner) und dabei nach Kräften bemüht waren, die AG-Positionen einzubringen.

    [Grüne Textteile wurden am 27.3. ergänzt; s. Kommentare]
    Derweil hatte sich unter dem Hashtag #kmob11 (der offizielle Hashtag lautete #kbom11) eine Gruppe gebildet, die sich von einigen als Gegenveranstaltung (s. Gibro: Abrechnung mit KBoM), von anderen als “versuch das ziel des kongressen, nämlich die konkrete, politische verankerung des manifestes mit den mir zu verfügung stehenden instrumentarien (eidg) voran zu treiben” (s. den Kommentar von QUERgedanken) verstanden wurde. Diese Gruppe hat sich im Rahmen eines offenen Briefes an die Kongressorga konstruktiv-kritisch geäußert und parallel zu den laufenden Posiumsdiskussionen dafür Sorge getragen, dass die Forderungen des Kongresses bei der Enquete-Kommission des Bundestages “Internet und Digitale Gesellschaft”, bzw. konkret auf der “Adhocracy”-Partizipationsplattform des “18. Sachverständigen” (die Kommission besteht aus 17 Abgeordneten und 17 externen Sachverständigen; der 18. Sachverständige sind wir, die Bürger), eingebracht wurden. Ich sehe das (angesichts der grün markierten Ergänzungen erst recht) gar nicht unbedingt als etwas Negatives, sondern eher als eine kreative Reaktion, Barcamp-ähnliche Elemente in den Kongress einzubringen.

    Allerdings gab es, auch im Twitterstream, teilweise auch aus meiner Sicht missverständliche Auffassungen vom Ziel des Kongresses. Ein großer Teil der Meinungsbildungsarbeit wurde in den Monaten zuvor in den AGs geleistet. Diese waren für alle offen; vor allem aber konnten alle Interessierten einen AG-Gründungsentwurf einreichen. Dieser Kongress war nicht, wie man es aus der Barcampkultur gewöhnt ist, an ad hoc-Positionierungen ausgerichtet. Einige Teilnehmer schlugen beispielsweise vor, statt von Kompetenz von Literacy zu reden, andere, statt Medienpädagogik mehr Medien in der Bildung zu fordern. Von ähnlicher “Fundi-vs.-Realo”-Qualität sind einige Punkte im ansonsten mit guten Anregungen versehenen offenen Brief der #kmob11-Gruppe. Solche Diskussionen sind hochkomplex (was glaube ich den Leuten hier nicht bewusst ist) und sicherlich nicht geeignet, in zwei Tagen geklärt zu werden, noch weniger aber, eindeutige, klare Signale an die Bildungs- und Medienpolitik zu richten. Dass man hierbei möglichst anschlussfähig und auch strategisch kommuniziert, wenn man de facto etwas erreichen möchte, liegt m.E. ebenfalls auf der Hand.

    Die AG-Forderungen sind im Netz einsehbar; zudem wird aus dem AG-Papieren eine Broschüre erstellt werden, die politischen Vertretern und Institutionen zugesandt werden wird. Einen sehr schönen Überblick gibt die gewordlete Version: http://media-education-culture.net/wp-content/uploads/2011/03/kbom11-AGs1.png

    Nachtrag: Ich habe ein offenes Etherpad eingerichtet, auf dem Reaktionen und Blogbeiträge zum Kongress gesammelt werden: http://openetherpad.org/KuzX4T8f6a.

    Alle Links zur Initiative sind auch in folgender Diigo-Gruppe (kollaboratives Social Bookmarking) gesammelt: http://groups.diigo.com/group/keine-bildung-ohne-medien

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