„Beobachtungen der Realität“ als Online-Volltext erhältlich

Mein vergriffenes Buch „Beobachtungen der Realität. Die Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien“ (2007) ist jetzt als creative commons-Version frei erhältlich. Ein ganz spezieller Service für alle, die meine neueren Arbeiten als theorielastig empfinden … die Arbeit argumentiert hauptsächlich erkenntnistheoretisch. ;-)
Hier auf Slideshare und hier als Direktlink (pdf).

„Medienbildung“ in 5 Sätzen

Es ist nun bereits vier Jahre her, dass unser UTB-Band „Medienbildung – eine Einführung“ (Marotzki/Jörissen 2009) veröffentlicht wurde. Ich habe in den letzten vier Jahren über 30 Vorträge zum Thema Medienbildung – in unterschiedlichsten Kontexten – gehalten. Dabei erfahre ich anhand der Rückmeldungen und Diskussionen immer wieder, dass ein großes und steigendes Interesse an unserem Verständnis von Medienbildung besteht. Dieses ist in seiner akademischen Ausformulierung, im Schnittfeld von Bildungstheorie und Medientheorie, eine theoretisch nicht ganz unkomplizierte Sache. Ich möchte unser Konzept daher an dieser Stelle in aller Kürze anhand einiger Thesen möglichst allgemeinverständlich vorstellen und damit zum Weiterlesen einladen.

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Tagung „Subjekt – Medium – Bildung“: Programm & Anmeldung online

Das Programm (+ Anmeldeformular) unserer Tagung „Subjekt – Medium – Bildung“ ist nun online (22.-24. März; Kooperation der wissenschaftlichen Sozietät Kunst, Medien, Bildung und des Theorieforums Medienpädagogik der DGfE/der Univ. Magdeburg) !

Die Tagung wird, ihrem Thema und Anliegen entsprechend, nicht nur verbal-argumentative, sondern auch performativ-kunstförmige Beiträge bieten: die theoretische Hinterfragung des Subjekts bedarf solcher Interventionen, die andere Anschlüsse vornehmen und aufzeigen, und die somit verhindern, dass eine das Subjekt hinterfragende Veranstaltung paradoxerweise zu einer permanenten Anrufung des Subjekts, zumal in seiner auf Kognition und Argumentförmigkeit reduzierten Fassung, gerät.

Die Tagung beginnt am 22.3. mit einem Abendvortrag von Manfred Faßler und dem anschließenden Film „Fiction Artists“ von Christoph Girardet und Volker Schreiner. Am Freitag, den 23.3. werden in einem ersten Teil subjekt- und bildungstheoretische Grundpositionen – psychoanalytische, praxeologische, neukantianische – diskutiert, die jeweils aus ihrer Perspektive eine Vorgängigkeit von Subjektivität zugunsten seiner Bezogenheiten hinterfragen (Karl-Josef Pazzini, Norbert Meder, Eckart Liebau). In einem zweiten thematischen Cluster stehen insbesondere Schnittstellen von subjekttheoretischen, medientheoretischen und technikanthropologischen Perspektiven im Zentrum (Benjamin Jörissen, Manuel Zahn, Olaf Sanders), die, wie die Beitragstitel erahnen lassen, Einheit und Grenzen von Subjektivität kritisch fokussieren werden. Eingeflochten sind diverse „Interventionen Kunst“: Gesa Krebber und Konstanze Schütze werden die Beiträge und Themen auf performativer Ebene reflektieren.

Der dritte Tag (Sa., 24.3.) schließt unmittelbar an den vorangehenden Tag an: verhandelt werden Fragen der medialen Subjektkonstruktion vor dem Hintergrund der Transformation klassischer (Lecture) und der Etablierung neuer (Netzwerk) medialer Architekturen. Es schließen drei Beiträge (von Torsten Meyer, Simon Grand/Johannes M. Hedinger und Peter Foos) an, die Subjektivität aus kunstpädagogischer, praxistheoretischer und kunsttheoretischer Perspektive verhandeln – orientiert an Themen des sujets, des Genies und des begriffspolitischen Kräfteverhältnisses von „Subjekt“, „Medium“ und „Bildung“.

Ich bin sehr auf die sich ergebenden Diskussionen und Performanzen gespannt. Allen, die nicht teilnehmen können zum Trost: die Beiträge sollen in schriftlich gebundener Form erscheinen – das jedoch wird mit den zahlreichen medialen und künstlerischen Interventionen nicht möglich sein.

Hier nochmal der Link zu Programm und Anmeldeformular: http://kunst-medien-bildung.de/2012/02/02/tagung-smb/

Tagung „Subjekt – Medium – Bildung“ (cfp)

Ich hatte kürzlich die Ehre, im Rahmen der neu gegründeten Wissenschaftlichen Sozietät „Kunst, Medien, Bildung“ das Konzept der Strukturalen Medienbildung zu erläutern. Die Affinitäten dieser Sozietät zum Magdeburger Theorieforum sind durchaus hoch – beiden geht es aus (einmal eher aus kunstpädagogischer, einmal aus eher allgemeinpädagogisch-medienpädagogischer Perspektive) um eine fundierende theoretische Diskussion der Bedeutung von Medialität im Kontext von Bildung.

Zusammen mit Torsten Meyer (ehemals Uni Hamburg, jetzt Uni Köln) ist in diesem Kontext die Idee entstanden, eine gemeinsame Tagung von Sozietät und Theorieforum zu veranstalten (geplantes Datum: 23./24. März 2012, Uni Köln). Wir beide haben, insbesondere im Hinblick auf die aktuelle Forschungslandschaft, den Eindruck, dass zunehmend die Transformationen von Subjektivität in sich transformierenden medialen Kontexten und Lebenswelten neue Fragen hinsichtlich des „Subjekts“ von Bildung aufwerfen, und zwar aus unterschiedlichsten Perspektiven. Sinn der Tagung ist es mithin, diesen Fächer an Perspektiven sichtbar zu machen; insofern ist unser „Call for Paper“ nicht zuletzt auch ein „Call for Ideas“.

Hier der CfP als PDF, nachfolgend im Klartext:

 

Tagung in Kooperation der wissenschaftlichen Sozietät Kunst, Medien, Bildung und dem Theorieforum Medienpädagogik

Torsten Meyer / Benjamin Jörissen

23./24. März 2012, Universität zu Köln

Das Tagungsvorhaben befasst sich mit dem zunehmend offensichtlicher werdenden Missmatch von wesentlich auf das 18./19. Jahrhundert zurückgehenden theoretischen Konzeptionen von Bildung, die diese als ein auf das Subjekt als Individuum (und das Individuum als Subjekt) bezogenes Phänomen denken, und den wesentlich auf kollaborativen und netzwerkförmigen sozio-technischen Prozessen beruhenden Bildungs-Praktiken in globalen, digitalen Kommunikationsnetzen.

Veränderte Medialität führt zu veränderter Subjektivität: diese mediologische These im Schnittfeld von Medien- und Bildungsgeschichte(n) soll im Zentrum der Tagung stehen. Nichts ist so gravierend für das Selbst-Verständnis einer Gesellschaft wie die geschäftsführenden Verbreitungsmedien (Luhmann). So war das Buch nicht nur in metaphorischem Sinn das bevorzugte Behältnis der großen Erzählungen. Mit der massenhaften Reproduktion des druckbaren Wissens nahm auch die Erzählung von der „Bildung des Menschen“ (Humboldt) als Bücher lesendes Individuum ihren Lauf. Und auch der Individualisierungsschub, den die Erfindung der Zentralperspektive als Abbildungstechnologie, Symbolische Form (Panofsky) und als imaginäre Struktur ausgelöst hat, war der Entstehung des wohl definierten und autonomen, bürgerlichen Subjekts mehr als zuträglich. Sind es aber die Strukturaspekte gesellschaftlicher Leitmedien, in denen Subjektivität entsteht und geformt wird, muss diese im Kontext radikaler Leitmedienwechsel immer wieder hinterfragt werden.

In der „informatisierten Gesellschaft“ – nun in der Version 2.0 – verliert das alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und der Person verbunden ist, an Bedeutung. Wissen wird zu etwas Äußerlichem, das nicht mehr in, sondern zwischen Köpfen gedacht wird. Es beginnt sich eine neue Form des Verhältnisses zum Wissen zu etablieren, die mit Subjekt-Wissen, Mensch-Wissen, Buch-Wissen, Bibliotheks-Wissen und Schul-Wissen nur noch marginal zu tun hat: Das Subjekt von Bildungsprozessen unter den Bedingungen globaler Vernetzung muss – anders als wir es bislang den bildungstheoretischen Traditionen entsprechend zu denken gewohnt sind – möglicherweise auf das „lernende Netz“ und die sich darin bildenden Communities bezogen werden gedacht werden. In der Folge von „Communities of Practice“ (Wenger) und „Communities of Project“ (Faßler), von „lernenden Gemeinschaften“ und deren „kollektiver Intelligenz“ (Levy) verliert das Individuum als erkenntnistheoretisches Paradigma an Exklusivität zugunsten des Wissen schaffenden Projekts und der sich darum bildenden Community: Mit den Erzählungen von der Aufklärung und der Emanzipation, der Idee vom Fortschritt, dem Diskurs der Wahrheit und der Vorstellung vom Wissen schaffenden Subjekt als kartesischem cogito hat das immer weniger zu tun.

Perspektiven
Ausgehend von diesen Überlegungen soll die Tagung eine Vielfalt von Perspektiven versammeln. Wir sehen dabei etwa folgende thematische Schwerpunkte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit; Ergänzungen im Rahmen des CfP sind sehr willkommen).

Übertragung
Während das bürgerliche Individuum als „starkes Ich“ zum Erziehungs- und Therapieziel der Moderne wurde, kümmert sich Psychoanalyse – ähnlich wie die Kunst – um die mit dieser Form von Subjektivität zusammenhängenden, unaufgelösten und eventuell grundsätzlich unauflösbaren Probleme im Selbst- und Weltverhältnis des imaginären Subjekts der Moderne. Wesentlich dabei ist das Konzept der Übertragung als etwas, das zwischen den individuellen Subjekten entsteht und einen interindividuellen Raum (Pazzini) erzeugt, in dem sich ein sujet supposé savoir (Lacan) bildet, ein unbewusstes Subjekt, das man sowohl als „subject supposed to know“, wie auch als „supposed subject of knowledge“ verstehen kann. Dieses für Bildungsprozesse konstitutive Sujet (als Subjekt und als Inhalt) ist möglicherweise anschlussfähig für die Suche nach einer veränderten Form von Subjektivität.

Bildung der Community, Kollektive Intelligenz, Netzwerke
Kann das „Subjekt des Wissens“ in Zusammenhang gebracht werden mit der „kollektiven Intelligenz“, die sich in den netzbasierten Wissensmanagementsystemen von der Wikipedia bis Twitter praktizierend zeigt? Welche Rolle spielen dabei die (modernen) Subjekte als Lehrende und Lernende? Welchem Subjekt kann das „kollaborative Wissen“ unterstellt werden, das die aktuelle informations- und kommunikationstechnologische Infrastruktur produziert? Kann sinnvoll und Grund legend von „Bildung der Community“ gesprochen werden – so wie (anthropologischen) Grund legend von „Bildung des Menschen“ die Rede war? Wie ist es zu bewerten, wenn Individuen Wissen, Orientierung und Weltbezüge immer mehr im Rahmen digital forcierter sozialer Netzwerke aktualisieren?

Akteure und Aktanten
Wo in guten alten Zeiten von „Vernunft“ und „Verstand“ die Rede war, spricht Pierre Lévy nun von „symbolischen Kollektivintelligenz“, um die Rolle der Technologien und der Institutionen in das menschliche Denken mit einzuschließen. Dabei geht es – mit Latour gesprochen – aber nicht darum, „Subjektivität auf Dinge zu übertragen oder Menschen als Objekte zu behandeln oder Maschinen als soziale Akteure zu betrachten“, sondern die Subjekt-Objekt-Dichotomie zu umgehen und als eine vorübergegangene „Verfassung der Moderne“ (Latour) zu begreifen. Nun haben wir es zu tun mit einem offenen, losen, fraktalen, temporär und projektgebunden konzentriertem Netz von Menschen und technologischen Akteuren. Mit diesem „und“ zwischen Menschen und technologischen Akteuren muss sich Bildungstheorie ebenso wie Bildungspraxis zukünftig sehr intensiv auseinandersetzen.

Sinne
Der mobile, „körpersensible“ Online-Touchscreen ist die vorläufige Quintessenz medientechnologischer Entwicklung. Netzfähige Gadgets machen globale Netzwerke anfassbar; die Dichotomie von nah vs. fern, online vs. offline, symbolisch vs. körperlich ergibt immer weniger Sinn. Was bedeutet es für traditionale Subjektvorstellungen, wenn Fern-Sinne nicht nur immer mehr an Bedeutung gewinnen, sondern mit Distanz- und Nah-Sinnen amalgamieren? McLuhans These der Medien als „Extensionen der Sinne“ unterlief die Vorstellung eines in sich sensologisch geschlossenen Subjektes; Haraways These, wir seien alle Cyborgs, war selten anschaulicher nachvollziehbar als im heutigen Alltagsbild voller „Mensch-Gadget-Web“-Einheiten. Wie kann man Sinnlichkeit und das sinnliche Bildungssubjekt unter diesen Bedingungen denken?

Call for Ideas
Wir möchten diese Fragen im Rahmen einer zweitägigen Tagung mit Ihnen diskutieren. Beiträge aus Wissenschaft und Kunst sind uns hoch willkommen. Bitte senden Sie Ihre Skizzen, Abstracts und Ideen (max. 2 Seiten) bis spätestens bis 31.08.2011 per E-Mail an:

benjamin[at]joerissen.name

Torsten Meyer
Benjamin Jörissen

 

„Keine Bildung ohne Medien!“, ein Zwischenbericht vom Kongress

Seit gestern (24.3.) findet in Berlin der medienpädagogische Kongress „Keine Bildung ohne Medien!“ statt. Mit ca. 400 Teilnehmern aus Praxis, Institutionen und Wissenschaft ist eine eindrucksvolle Zahl zusammengekommen (immerhin ein Fünftel der Teilnehmer des letzten DgfE-Kongresses). Das ist insbesondere deswegen bemerkenswert, weil es nicht primär um fachliche Information und fachlichen Austausch, sondern vielmehr um einen bildungs- und medienpolitischen Impuls geht: Ziel des Kongresses ist der Dialog mit der Politik.

Im Geiste des medienpädagogischen Manifestes wurden für unterschiedliche pädagogische Bereiche Ist-Analysen und an diesen orientierte Umsetzungsszenarien erarbeitet, die gestern auf dem Kongress in dreizehn Arbeitsgruppen diskutiert und zu konkreten (medien-) bildungspolitischen Forderungen verdichtet wurden. Die Positionspapiere der AGs sind hier online zu finden, die Handouts der Arbeitsgruppen hier (Update).

Sehr webzweinullig ging es gestern in der AG Digitale Jugendbildung zu, die ich zusammen mit Daniel Poli (IJAB, @danielpoli) moderiert habe. Nach einem kurzen Input der Moderatoren und sehr informativen Einführungen von Franz-Josef Röll und Jürgen Ertelt (IJAB, @ertelt) wurden zunächst weitere Perpektiven eingeholt, die simultan auf einem offenen Etherpad notiert wurden. An der Etherpad-Session haben auch externe TeilnehmerInnen mitgewirkt, so etwa Lisa Rosa (@lisarosa) und Karsten Wolf (@kadewe).

Anhand der Themen der Diskussionsrunde konnten thematische Schwerpunkte gebildet werden, zu denen Arbeitsgruppen dann kurze Textbeiträge verfasst haben. Alles wurde wieder auf dem Etherpad gesammelt und schließlich abends von einer kleineren Gruppe redaktionell (logisch: wieder in simultaner Kooperation am Etherpad) zu einem Text verarbeitet. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie schnell und effizient so eine kollaborative Simultan-Arbeit vonstatten geht.

Die drei Forderungen unserer AG in Kurzform:

  • Anerkennung und Wertschätzung des Leitmedienwandels und der neuen „digitalen Jugendkulturen“; Schluss mit der politischen Verengung von Medienkompetenz und Medienbildung auf Defizit- und Risikoperspektiven.
  • Medienbildung für Lehrer und Pädagogen: Mediengrundbildung als obligatorischer Bestandteil pädagogischer Ausbildungsgänge.
  • Etablierung und Förderung nachhaltiger Strukturen in der Jugendmedienbildung (versus Projekt-Kurzläufer).

Das Etherpad kann und soll noch weiter bearbeitet werden; alle Interessierten sind eingeladen, daran mitzuarbeiten: erreichbar ist es unter http://bildungdigital.de/.

Twitter-Hashtag des Kongresses: #kbom11.