I, Avatar: Second Life-Kunst in New Yorker Galerie


(Pop-)Art goes SL: Die New Yorker Galerie Postmasters stellt gegenwärtig 13 Portraits des Künstlerduos Eva und Franco Mattes (0100101110101101.org) aus.

Aus dem Pressetext:

“The Matteses have been living in the virtual world, Second Life, for over a year, exploring its terrain and interacting with its peculiar inhabitants. The result of their “video-game flanerie” is a series of portraits, entitled “13 Most Beautiful Avatars.” Not unlike Warhol’s entourage of stars, captured in the “13 Most Beautiful Boys” and “13 Most Beautiful Women” portrait series, the Matteses’ “13 Most Beautiful Avatars” captures the most visually dynamic and celebrated “stars” of Second Life. The portraits reflect Second Life aesthetics, featuring the bright colors, “artificial” light, broad flat areas, 3D shapes, and surreal perspectives that are typical of this virtual world.”

Meine erste Reaktion auf diese Bilder war eher ambivalent (ich bin nicht unbedingt ein Pop-Art-Fan). Auf den zweiten Blick finde ich die Arbeiten sehr spannend: Sie inszenieren die Avatare mit den Mitteln moderner Portraitfotografie – spontane Posen und Gesichtsausdrücke erzeugen in Verbindung mit Close-ups einen starken Eindruck von Authentizität, so wie in diesen beiden Bildern der Avatare Xavier Nielson und Harpo Jedburgh:

Die Avatare sind deutlich als solche markiert, und doch haben sie “Persönlichkeit”: Die Bilder sind von einer Individualität und vor allem Ernsthaftigkeit bestimmt, die (so scheint es mir) zum Ausdruck bringen will, dass man Virtuelle Existenzen nicht mehr einfach als unverbindliche Identitätsspielerei, als Maskenspiel (Personae) dahinter stehender realer Personen verstehen kann (vgl. Sh. Turkle). Sie stehen für sich, die Frage nach ihren “Besitzerinnen” stellt sich nicht. “I, Avatar”?

Das scheint jedenfalls der erklärte Standpunkt bzw. die Alltagspraxis vieler Second Life-Nutzer zu sein. Bzw. ihrer Avatare. In diesem Sinne wäre wohl auch das Interview mit einem Avatar zu verstehen, welches Anche Chung, die berühmte “in-world” immobilienmakelnde Avatarin von Ailin Gräf, kürzlich auf manager-magazin.de gegeben hat. In solchen Spielen der Unterwanderung der Grenze von Person und Persona steht der Avatar zukünftig wohl gleichberechtigt neben dem “Cyborg” im Sinne Donna Haraways (ein entsprechendes Manifesto for Avatars ist übrigens bereits 1999 veröffentlicht worden).