Letzte Fragen? Letzte Antworten. Stephen Hawking über das Leben, das Universum und den ganzen Rest

Stephen Hawking, der bekannte Kosmologe, hat vor einigen Tagen im Rahmen der Oppenheimer Lectures in Berkeley einen sehr spannenden und auch sehr unterhaltsamen Vortrag gehalten, in dem er seine Thesen allgemeinverständlich (soweit das bei dieser Disziplin möglich ist) erläutert. Das hat zwar wenig mit Medien zu tun, ist aber so faszinierend, dass ich es nicht für mich behalten will. Wer Hawking noch nicht kennt oder sich an seinen Büchern bisher die Zähne ausgebissen hat, kann unter diesem Link die ca. einstündige Lecture ansehen (Real Video, also ist der Real Player bzw. Real Alternative nötig).

Kosmologische Modelle finde ich (persönlich) sehr bildungsrelevant; sie sind sozusagen, nicht unähnlich der Religion, eine „ganz große Rahmung“ von Weltbildern (dies gilt besonders dann auch für die Einsicht in die historische Transformation solcher Modelle). – Für alltägliche Weltbilder birgt die (post-?) moderne Kosmologie Stephen Hawkings einiges an Erschütterungspotentialen; dazu als Appetizer einige Highlights aus dem Vortrag. Eine Diskussion der Thesen im Anschluss kann ich mir nicht verkneifen. (Achtung, Erkenntnistheorie!)

Wenn das Universum mit einem Big Bang vor 15 Milliarden Jahren anfing: was war vor dem Big Bang? Eine sicher verbreitete Frage, die Hawking komplett dekonstruiert: „The problem what happens at the beginning of time is a bit like the question what happened at the edge of the world, when people thought the world was flat.“ Zeit ist etwas Lineares, das in eine Richtung verläuft? Dann befinden Sie sich, kosmologisch betrachtet, im Mittelalter. Zeit beschreibt Hawking als eine Art Kugel, die sich ausdehnen und zusammenziehen kann. Die Frage „was war davor“ ist der Frage vergleichbar, was südlich des Südpols sei. Im übrigen hat (so scheint es mir) Zeit zwar einen Anfang, aber nicht ein Ende (sondern viele, etwa in schwarzen Löchern).

Woher wir kommen? Hawking arbeitet seit vielen Jahren daran, Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantentheorie zu verbinden – also die Modelle zur Beschreibung des Makrokosmos mit denen des Mikrokosmos in ein neues Modell zu integrieren. Die Quantentheorie beschreibt den Zustand jedes Teilchens bzw. jeder Welle mittels einer Wahrscheinlichkeitsverteilung (wer das endlich mal verstehen will, sollte jetzt hier klicken). Hawking erklärt nun die Entstehung paralleler Universen mittels Wahrscheinlichkeitsverteilung – so wie in kochendem Wasser kleine und große Blasen entstehen, entstünden Universen mit verschiedenen (wahrscheinlichkeitsgestreuten) Eigenschaften. Die eher unwahrscheinlichen Universen existierten nur extrem kurz und fielen dann wieder zusammen. Unser Universum ist nicht anderes als eine solche Variante. Woher also kommen wir? „We are the product of quantum variations in the very early universe.“ Keine sehr schmeichelhafte These im Vergleich zur Schöpfungsgeschichte – beseitigt dafür aber Identitätsprobleme von Atheisten/Agnostikern sehr effizient.

Und woraus ist nun das Universum entstanden? „How can one discribe the universe at the beginning of time? I now think I can show how the universe was spontaneously created out of nothing, according to the laws of science.“ Man könnte aus Nichts ja auch jederzeit ein leckeres Omelette zaubern, wenn man immer zwei Portionen herstellt – eine aus Materie und eine aus Antimaterie (leider ist es schwierig genug, das Eiweiß vom Eigelb zu trennen). Das reine Nichts ist jedenfalls offenkundig eine ziemlich unruhige Angelegenheit, wenn es ständig kleinere und größere „Bubble“-Universen hervorruft, anstatt sich mit seinem Nichts-Sein zu begnügen. (Ich weiß nicht recht – ob man dazu nochmal Hegels Seinslogik bemühen sollte …)

Den eigentlichen Knaller, sozusagen den erkenntnistheoretischen Big Bang, bringt Hawking im Anschlusssatz: „The universe exists, because general relativity and quantum theory allow and require it to exist. If I’m right, the universe is self-contained, and govered by science alone“ (Herv. von mir). – Der so genannte Radikale Konstruktivimus war wohl noch ein wenig zögerlich mit seiner These, die Wirklichkeit sei ein reines Konstrukt (nicht aber die „externe Realität“, zu der die Konstruktionen sich „viabel“ verhalten). Hawking geht offenbar davon aus, dass diese wissenschaftlichen Modelle eine Art von „Grund“ für die Existenz des Universums darstellen. Er betrachtet sie selbst als Teil des Universums, welches sie beschreiben. Das Universum beinhaltet also Informationsverarbeitungsprozesse, wäre mithin so etwa wie ein „Beobachter“, der schließlich, ganz im Sinne George Spencer-Browns, in seine eigene Beobachtung eintritt („Re-entry“: auch ein Kalkül übrigens, das die Entstehung von Etwas aus Nichts impliziert).

Das Universum als Selbst-Beobachter also. Der Treppenwitz daran: Dieses Modell löst jedes Individuum, jedes Subjekt als autonome Beobachterinstanz streng genommen auf, indem jede Beobachtung von irgendetwas immer als eine (partielle) Selbstbeobachtung (eines Teiles) des Universums verstanden wird: das Individuum „Einstein“ ist aus dieser Perspektive also eine Art kosmischer Knotenpunkt, in welchem gewisse Selbstbeobachtungsoperationen der Universums zur Artikulation gekommen sind (klingt irgendwie buddhistisch, oder?).

Auch Spencer-Brown nennt in seinem Kalkül interessanter Weise als Beispiel einen Physiker, der als Beobachter der physikalischen Welt schließlich selbst (als Teil dieser Welt) in seine Beobachtungsoperationen eintritt. Genau das scheint mit Stephen Hawking geschehen zu sein – nur kommt er aus diesem re-entry nicht mehr heraus. Wer das ganze Universum erklären will, übersieht wohl nur zu leicht, dass auch das nur eine Perspektive ist (und bleibt)?

Wie dem auch sei: ein spannender Ausflug zu den letzten Dingen, die uns von Hawking quasi im Restaurant am Ende des Universums serviert werden. – Ich habe ohnehin den Eindruck, auf einer der Hawkingschen Paralleluniversen-Bubbles saßen Spencer-Brown, Douglas Adams und Niklas Luhmann vor ein paar Tagen beisammen, um einige merkwürdige Quantenvariationen in gewisse Beobachtungsoperationen hineinzustreuen …

Weitere Lectures von Hawking: www.hawking.org.uk/lectures/public.html.