Nachgedanken zum Educamp 2010 Hamburg

Am 5./6. Februar fand im Hamburg das fünfte Educamp statt. Ich war (aus terminlichen Gründen leider nur am zweiten Tag) dabei, bin vom Format recht begeistert und möchte hier einige Nachgedanken äußern – insbesondere hinsichtlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Das Internet – ein Bildungsraum?“, zu der ich eingeladen war (hier mein Statement zum Thema), und die von den Teilnehmenden recht gemischt beurteilt wurde.

Zur Idee eines Barcamps

Das „Educamp“ ist ein an Bildungsthemen orientiertes Barcamp, also eine relativ neue und sehr spannende Konferenzform – oder besser gesagt, Unkonferenzform. Die Grundidee eines Barcamps liegt m.E. in seiner hohen Effizienz im Sinne einer hohen Relevanz der Themen für die Teilnehmenden: Es gibt keine vorgegebenen Themen und Referenten; vielmehr bringt jedeR ein Sessionthema mit und schlägt es vor. Die Teilnehmenden entscheiden durch ihr Teilnahmeinteresse, welche der vorgeschlagenen Sessions abgehalten werden und welche nicht. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass nur solche Themen verhandelt werden, die auf konkretes Interesse der Unkonferenzteilnehmer stoßen – und zwar unabhängig vom formalen (z.B. akademischen) Status der Sprecher. Wer Ideen, Themen, gute Fragen welcher Art auch immer hat, kann sie vorschlagen.

Barcamp plus Podiumsdiskussion – war das hilfreich?

Das Hamburger Educamp hat dieses Format an einer Stelle verändert. 90 Minuten der Veranstaltungszeit wurden für ein relativ klassisches Konferenzelement reserviert, nämlich eine Podiumsdiskussion mit vier eingeladenen Teilnehmern (Petra Grell, Lisa Rosa, Rolf Schulmeister und meine Wenigkeit) plus einem freien Platz, der wechselnen Diskutanden aus dem Publikum zur Verfügung stand, plus einer Twitterwall, die allerdings ungünstig platziert war und vom Podium von den Sofas aus nicht gut gesehen werden konnte (eine ziemlich gute Kurzzusammenfassung der Standpunkte ist bei den Bildungsreportern zu finden). Diese Podiumsdiskussion hat (erwartbare) Kritik hervorgerufen, wobei ich drei Kritikmuster ausmachen kann:

  1. Formale Kritik: Die begründete Barcamper-Sorge, insofern eine (auch offene) Podiumsdiskussion natürlich den etablierten Barcamp-Grundsätzen widerspricht (keine vorgegebenen Themen, keine geladenen Experten). Von hier aus stellt sich die pragmatische Frage, ob die Abweichung von der „reinen Lehre“ es letztlich wert war oder nicht, ob also ein positiver Input erzielt wurde, der anders nicht in dieser Weise hätte erzielt werden können. Dieser Frage möchte ich im nachfolgenden Abschnitt nachgehen.
  2. Etwas, das bei oberflächlicher Wahrnehmung wie Antiintellektualismus aussieht, in Wahrheit aber ebenfalls eine durchaus begründete Sorge darstellt. Es gab im Vorfeld eine „Profilaberer“-Diskussion im Webforum zur Podiumsdiskussion. Die Vorbehalte dabei bestanden weniger gegen „Experten“ an sich. Vielmehr besteht eine erfahrungsmäßig sicher nicht unbegründete Angst, dass irgendwelche arroganten Typen mit professoralem Habitus ihre Ansichten in Politikermanier, also apodiktisch und stereotyp, verbreiten. Wer den Twitterstream von Petra Grell oder meinen Lifecasting-Stream @joeriben kennt, würde bei uns so etwas eher nicht befürchten.
  3. Im Nachgang wurde allerdings sichtbar, dass es zu geringen Anteilen auch waschechten Antiintellektualismus in dieser Szene gibt. Einige (sehr wenige) gefallen sich darin, einen Theoretiker-Praktiker-Graben zu inszenieren: „Theoretiker“ (was immer das genau heißen soll bei den eingeladenen empirischen Forschern bzw. Schulmeister als e-Learning-Aktivist) hätten keine Ahnung von der Praxis, würden nur „Top down“ denken, und insofern brauche man keine geladenen Experten. Grandioser Blödsinn. Das zugehörige Modell von „weltferner“ autoritärer Wissenschaft stammt aus den Tiefen des letzten Jahrtausends; von so etwas wie qualitativer Bildungs- und Sozialforschung hat man offenbar noch nichts gehört (Tipp: Verlagsprogramm des VS-Verlags durchblättern, für den Anfang). Man darf so einen uninformierten Unsinn natürlich nicht ernst nehmen (daher auch kein Link an dieser Stelle). Sehr lustig der u.a. mir gemachte Vorwurf, ich würde das Web nicht kennen, von dem ich rede :-). Wäre diese Form des kruden Antiintellektualismus prägend für Educamps, würde ich sicher keines mehr aufsuchen (es wäre glatte Zeitverschwendung). Daher sei an dieser Stelle gesagt: Er spielte auf dem Camp de facto kaum eine Rolle, verglichen mit dem Wirbel, den er in Blogkommentaren verursacht.

Hat es was gebracht? Klares „Jein“

Der Sinn einer Podiumsdiskussion liegt aus meiner Sicht vor allem darin, auf relativ fokussierte Weise – denn Glanz und Elend von Podiumsdiskussionen liegt im Zwang zum pointierten Statement – eine Bandbreite von Positionen darzubieten, die den Zuhörern eine bessere Selbstverortung ermöglichen. In diesem Fall geht es um Fragen wie folgende:

  • Ist das Internet ein Lernwerkzeug? Oder ein Kulturraum, der sich dem instrumentellen Zugriff entzieht?
  • Geht es um Technologie oder um das Soziale? („It’s the Social, Stupid!„)
  • Verstehe ich Lernen klassisch als kognitiven Prozess, der sich epigenetisch entwickelt (mit Piaget, wie Schulmeister vorschlug) – als etwas, das im Grunde gleich bleibt, wenn auch die äußeren Organisationsformen sich wandeln? Oder verstehe ich Lernen als etwas, das sich mit unterschiedlichen Medien, Sozialformen (Netzwerk) und Wissensgefügen selbst grundlegend verändert?
  • Wie stark muss man angesichts der Innovationsdynamiken am Tradierten festhalten und seinen Wert (wieder-) erkennen, wie stark muss man Veränderungen in den Medienkulturen einfordern und sogar forciert?

Themen wie diese kamen kontrovers zur Verhandlung (wobei natürlich vieles Wichtige nicht gesagt, vieles Diskussionswürdige nicht ausdiskutiert und einiges von den mitdiskutierenden TeilnehmerInnen wunderbar Performte nicht hinreichend aufgegriffen wurde). Insofern kam es mir so vor, als wäre das so gesteckte Ziel durchaus erreicht worden.

Die Kommentare auf der Twitterwall (Screen/Mobile) legen jedoch nahe, dass meine positive Einschätzung teilweise eine trügerische Innensicht darstellt. Es ist enorm interessant und lehrreich, dank Twitter die eigene Perspektive mit einer „generalisierten Außenperspekive“ kontrastieren zu können. Ergebnis: Zum einen scheint es so, dass (so weit ich die Twitterer zuordnen kann) tendenziell, wenn auch zum Glück nicht ausschließlich, eher Uni-Leute vom Podium profitierten , während negative Anmerkungen von praktizierenden AkademikerInnen kaum zu finden sind. Zum anderen ist nur an relativ wenigen Tweets festzustellen, dass wirklich eine hilfreiche konzeptionelle Klärung bei den Twitterern angekommen ist. Ich habe entsprechend auch bisher keinen Blogpost gefunden, dem Gegenteiliges zu entnehmen wäre. Insofern also: nein, Ziel nicht erreicht. Denn es ist für die Maßstäbe eines Barcamps m.E. nicht ausreichend, wenn eine Session nur 50% der Teilnehmer etwas bringt.

Lesson learned: Diversität akzeptieren

Auch wenn die angedachte Funktion, durch begriffliche Klärungen und theoretische Rahmungen einer Podiumsdiskussion mehr Klarheit und Verbindlichkeit in die Sessions zu bringen, sehr nachvollziehbar ist (vgl. Mandy Schiefners Eindruck, dass mangels Begriffsklärung nur ein Scheinverständnis erzeugt wird), so kann man diese Einsicht nicht erzwingen. Zur Diversität von Barcamps gehört offenbar auch die Akzeptanz der unterschiedlichen Bereitschaft, sich auf der Basis klarer Begriffe und Modelle zu verständigen, bzw. eine Akzeptanz der unterschiedlichen Bereitschaft, sich von Leuten, die den größten Teil ihrer Zeit an solchen Themen arbeiten, beraten zu lassen. Dazu passt, dass der Erkenntnismodus der Barcamp-Sessions ja gar nicht nur kognitiv sein muss. Offenbar liegt für viele Teilnehmer ein Gewinn auch stark auf sozialer und emotionaler Ebene, was ja völlig in Ordnung ist. Diese Möglichkeit sollte mit bedacht werden.

Fazit: Alternativen?

Ich denke, man sollte nicht aufhören, nach Art der Hamburger Organisatoren (und es war wirklich ein großartig organisiertes Barcamp!) mit dem Format zu experimentieren. Entscheidend ist, was es den Teilnehmern bringt – basta. Wer fundamentalistisch argumentiert, hat die Idee des Barcamps schon verfehlt. Denn das kreative Potenzial dieses Formats wird abgetötet, wenn man meint, schon vorher zu wissen, was geht und was nicht. Man muss halt ausprobieren. (Und, liebe PraktikerInnen: Unter dem Titel „Tentativität“ spielt so etwas eine zentrale Rolle in der angeblich abstrakten Bildungstheorie, die so viel mehr mit der Lebenspraxis der Menschen zu tun hat, als man es ihr auf den ersten Blick ansieht.)

Insofern glaube ich, dass man den Gedanken nicht aufgeben sollte, durch ausgewählte Einzelne (ob sie nun Titel tragen oder nicht spielt dafür überhaupt keine Rolle) so etwas wie verdichtete Impulse, systematische Irritationen, kontroverse Inputs in ein Barcamp hineinzutragen. Und ich finde es auch folgerichtig, so etwas nicht in Konkurrenz zu anderen Sessionsslots zu platzieren. Folgendes fände ich z.B. spannend:

  • Eine Podiumsdiskussion mit geladenen Gästen – warum nicht? Aber: sie sollte direkt zu Beginn des Barcamps stattfinden (auch nicht am Ende – was würde sie da noch leisten). Auf diese Weise besteht keine Konkurrenzsession, aber die Teilnehmenden können über ihre Anreisezeit bestimmen, ob sie dabei mitmachen wollen oder nicht.
  • Ein bis drei konzentrierte Impulsreferate (10-15 Minuten max.) zum aktellen Diskussionstand von Kernbegriffen oder zu aktuellen Tendenzen und Strömungen in einem Feld, direkt nach der Vorstellungsrunde. „Wir nennen es Keynote“.
  • Oder dasselbe als Speedgeeking – wieso nicht auch mit Begriffen und Konzepten (wir gehen ja eh als Geeks durch …). Auf der Hackbild 09 war das ein großartiges Erlebnis, und es hat sehr viel gebracht.

Diese Liste lässt sich sicher kreativ erweitern. In jedem Fall bin ich der Meinung, dass das Educamp eine unbedingt unterstützenswerte Form ist. Es kann (und will) die klassische akademische Konferenz nicht ersetzen (und diese wird ihre Bedeutung für „uns“ Uni-Menschen sicher nicht verlieren). Das Barcamp ist aber eine aufregende Form, Menschen entlang relevanter Themen, und nicht entlang eingefahrener Berufs- und Statusgrenzen zusammenzubringen. Sein außerordentlicher Wert liegt in dieser Kraft, unser Denken und Handeln in der Begegnung mit der enormen Vielfalt anderer Perspektiven zu erweitern.

p.s.: Eine Sammlung von Blog-Kommentaren zum ec10hh ist im Educamp-Wiki zu finden.

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