(Medialität und …) Ästhetik, Design und Netzwerk

Seit einigen Monaten komme ich endlich dazu, seit langem überfällige Themenbereiche zumindest in ersten Ansätzen zu bearbeiten. Sie sind aus medientheoretischer Perspektive Zwischenergebnis eines Klärungsprozesses, der den Fokus von Medien bzw. Medialität auf Bereiche verschiebt, ohne die (v.a. digitale) mediale Phänomene nicht verstanden werden können. Aus allgemeinpädagogischer Perspektive handelt es sich um Phänomenbereiche, die m.E. für ein Verständnis von gegenwärtigen Bildungsprozessen und ihren Bedingungen von ähnlicher Bedeutung sind wie Medialität.

Auf die Gefahr hin, Komplexitäten zu erzeugen, die sich nicht leicht handhaben lassen (auf dieses Problem nehme ich persönlich wenig Rücksicht), sind dies: Ästhetik, Design und Netzwerk.

  • Ästhetik und Medialität: Wie zu Recht von wohlwollenden Kritikern angemerkt wird (etwa: hier von Manuel Zahn, hier von Roberto Simanowski und hier von Andeas Weich und Julus Othmer), präsentiert sich der Ansatz der Strukturalen Medienbildung als medientheoretisch entwicklungsfähig (aber, immerhin, auch -würdig). Das Schnittfeld von Bildungs- und Medientheorie ist hochkomplex und bietet zukünftig noch reichliche Möglichkeiten der Klärung. Das Spannungsfeld von Medialität und Ästhetik ist dabei aus bildungstheoretischer Perspektive ein sehr interessanter Ansatzpunkt, denn die Brüche und Reibungspunkte zwischen der medialen Ebene und der durch Mediatisierungsprozesse (i.s.v. Mersch, nicht von Krotz) prästrukturierten Ästhetiken ermöglichen Öffnungen. Wenn z.B. auf der ästhetischen Ebene die Medialität thematisiert wird wie in Magrittes La trahison des images, ist dies der Fall. Wenn man „Inhalte“ nicht mehr medientheoretisch naiv von ihren medialen Prozessen losgelöst betrachten kann, dann auch Ästhetiken nicht (vgl. Schwemmer 2005). Daraus folgt, dass sowohl  epistemische (propositional-wissensförmige) also auch  ästhetische (nichtpropositionale, sinnlich-formsprachliche) Artikulationen auf ihr Verhältnis zur Medialität hin befragt werden können und müssen. Hierzu zwei Aufsätze als Preprint: erstens eine medienbildungstheoretische Perspektive (pdf), zweitens eine empirische Perspektive am Beispiel der Divergenzen von Ästhetik und Medialität in filmischen Inszenierungen biographischer Diskontinuität (pdf). Der letztere Aufsatz verfolgt eigentlich ein zweifaches Interesse, nämlich a) ein methodologisches und b) ein thematisches (biographische Diskontinuität ist natürlich identitätstheoretisch sehr interessant; besonders hat mich Aki Kaurismäkis Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ dazu angeregt). Er ist denn auch doppelt so lang (und leider wohl auch doppelt so komplex) geraten.
  • Design und Subjektivation: Ursprünglich wollte ich etwas zu digitalen Artefakten schreiben, sozusagen als Nachtrag zur aktuellen Diskussion über eine Pädagogik der Dinge. Es wurde mir jedoch schnell klar, dass ich dabei ohne den Designbegriff nicht auskommen würde, denn schließlich existiert nichts, nicht mal NULL, in der digitalen Sphäre, wenn es nicht von irgendeinem Softwaredesign definiert wird (und sei es als Ausnahmezustand). Insbesondere hat mich hier nicht so sehr Stil oder Ästhetik, sondern das implizite Wissen von Design interessiert (wie es neuerdings auch in teilweise machtkritischen Perspektiven entdeckt wird, vgl. Mareis 2011). Erstaunlicherweise spielt im pädagogischen Ding-Diskurs das Design eine weitestgehend marginale Rolle. Das wäre schon im Hinblick auf „didaktisches Design“ und Spieldinge sehr merkwürdig, ist aber im Hinblick etwa auf unsere durchweg designdurchsetzten Lebenswelten (die voller „Wissen“ über „Nutzer“ sind, also voller anthropologischer, subjekttheretischer, ergonomischer, ästhetischer, ökonomischer etc. Hypothesen sind, die uns wie selbstverständlich Handlungs- und „Seinsmöglichkeiten“ anbieten) bildungstheoretisch sehr wenig verständlich. Insofern war es eine spannende Auseinandersetzung, die jedoch im Hinblick auf digitales Design (Software-Design, Datendesign, User experience-Design usw.) nur eine Vorarbeit darstellen kann. Hier der Preprint (pdf).
  • Netzwerk: Gemeint sind hier nicht etwa soziale Netzwerk-Plattformen und auch nicht primär digitale Netzwerke, sondern soziale Netzwerke. Die Netzwerksoziologie entwickelt sich seit ca. der Mitte des 20. Jahrhunderts. Noch vor wenigen Jahren ein relativ exotisches Feld (soweit ich sehe, stammt die erste in Deutschland erschienene Einführung von Boris Holzer aus dem Jahr 2006), ist daraus in der Soziologie mittlerweile auch hierzulande ein breit aufgefächertes Forschungsparadigma geworden (das sehr stark von Christian Stegbauer vorangetrieben wurde, vgl. etwa Stegbauer 2008; Stegbauer/Häußling 2010). Netzwerke sind nicht nur von medienpädagogischer Relevanz, sondern unmittelbar auch von bildungstheoretischer. Denn Bildungsprozesse sind immer auf Sozialität und Welt bezogen. Wie wir aber dieses Verhältnis bildungstheoretisch begreifen, hängt einerseits von den subjekttheoretischen, zugleich aber auch von den sozialtheoretischen (und materialen, dingseitigen) Ansätzen ab. Die Netzwerk-Thematik habe ich im Rahmen meines Habilitationsverfahrens als Vortrag bearbeitet; die Überarbeitung des Manuskript wartet leider seit Juli darauf, dass ihr Urheber mal ein, zwei Tage Zeit dafür findet …

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