Microblogging/Lifelogging (revisited)

Vor etwas über einem Jahr habe ich etwas über Lifelogging-Trends gepostet; damals waren Twitter, Jaiku und andere Microblogging-Dienste noch eine ziemlich unbekannte Angelegenheit. Wie mit allen Web 2.0-Anwendungen kann man sie erst einschätzen, wenn eine kritische Masse an Usern sie benutzt. Ich habe den Eindruck, das ist auch hierzulande so langsam der Fall. Auf Twittervision laufen die Tweets aus Deutschland so schnell ab, dass man Mühe hat, mitzulesen.

Während ich also damals den Eindruck hatte, Twitter (ab hier stellvertretend für Jaiku, Tumblr, Pownce und was es noch so alles geben mag) sei hauptsächlich etwas für Gegenden, in denen entweder

  • Familienmitglieder/Freunde geographisch so weit entfernt voneinander leben, dass es für sie einen echten Mehrwert bedeutet, ihren Alltag über Twitter den anderen zugänglich zu machen, mithin also eine virtuelle Partizipation am Alltag der anderen aufzubauen, und/oder
  • alle ständig mobilen Webaccess mit Daten- bzw. SMS-Flatrates genießen, und/oder
  • jeder neue technische Hype sofort begeistert aufgenommen wird,

– also eher etwas für US-amerikanischen Nutzer -, sehe ich inzwischen andere Nutzungsmöglichkeiten. Eine Besonderheit an den maximal 140 Zeichen langen „Tweets“ ist der Umstand, dass sie im Gegensatz zum Weblog im Netz – abgesehen von der Twitter.com-Seite – keinen richtigen „Ort“ haben. Unter Aspekten der Medienbildung wird man Microblogging wohl am ehesten in Abgrenzung zum Weblog diskutieren.

Weblogs: reflexive Artikulation

Ich betrachte Weblogs als sozusagen eine erheblich „personalisiertere“ Angelegenheit: Zwar kann man Blogs genauso wie Microblogs verwenden, z.B. im Sinne der ursprünglichen Idee eine Websurf-Logbuchs, in welches v.a. interessante Links eingestellt werden (vgl. etwa dies hier). Doch geht es in der Blogosphere doch sehr häufig – neben der Präsentation von Neuigkeiten und der Weitergabe zumeist detaillierterer Informationen – um artikulierte und einigermaßen elaborierte Äußerungen. Sie gehen mit einem gewissen Zwang einher, die Blogbeiträge „repräsentativ“ in Bezug auf die eigene Persönlichkeit (bzw. das, was man jeweils davon präsentieren möchte), zu gestalten – letztlich ist es eine Form der Selbstbeobachtung aus der Perspektive eines unsichtbaren Publikums, welche die Blogbeiträge zu performativen Selbstinszenierungen werden lässt (und ich glaube, das trifft für die meisten von Personen geführten Blogs, auch die professionellen, zu). Kurz: Weblogs sind in aller Regel reflexive Artikulationen. Reflexive Äußerungen nehmen zu einem Thema oder einem Sachverhalt Stellung, und sie verhalten sich in dieser Stellungnahme immer, wenn auch zumeist implizit, zu sich selbst. Sie werden dann auch als reflexive Äußerungen aufgefasst, was die ausgedehnte Kommentierungskultur in der Blogosphere erklärt.

Twitter & Co.:  „vernakuläre“ Artikulationen im sozialen Raum

Diese Form ist erheblich niederschwelliger. Es gibt eben (außer der Twitter-Website) keinen genuinen Ort, an dem diese Tweets meine Persönlichkeit wie auf einem Tableau (re-) präsentieren würden. Meine „Tweets“ (http://twitter.com/joeriben) werden vermischt mit den Tweets derjenigen anderen Personen, denen „meine“ Leser (die „Follower“ heißen), ebenfalls folgen. Sie gehen als individuelle Äußerungen – jedenfalls beihnahe – unter. Der „Reflexivitätsdruck“ ist daher aufgrund der hier ganz anderen sozialen Anerkennungsstruktur erheblich geringer. Mit max. 140 Zeichen Umfang erlauben sie zudem praktisch keine komplexeren reflexiven Artikulationen. Sie deswegen pauschal für trivial zu halten, ist m.E. nicht gerechtfertigt (derselbe Vorwurf traf ja bereits die Blogosphere). Als Ausdrucksform lässt sich das Microblogging einer für viele Artikulationspraxen im Web 2.0 typischen Tendenz zuordnen, die man als Veralltäglichung von Artikulation bezeichnen könnte (vgl. z.B. den Begriff der „vernacular creativity“, Burgess 2007). 1)Burgess, Jean E.: Vernacular Creativity and New Media. PhD Thesis. Creative Industries Faculty, QUT. als PDF erhältlich via: creativitymachine.net/research/phd/

Ausschnitt meines Twitter-StreamsUm die Praxis des Microbloggens zu verstehen, muss man den Community-Aspekt gleichermaßen beachten: der Kern des „Twitterns“ als sozialer Praxis liegt gerade nicht nur darin, selbst Beiträge zu verfassen, sondern wesentlich auch darin, andere Twitter-AutorInnen als Freunde zu markieren und damit ihre „Twitter-Streams“ zu abonnieren. Diese tauchen dann auf den jeweiligen Endgeräten bzw. als eingeblendete Nachrichten am unteren Bildschirmrand in dem Augenblick auf, indem sie abgesendet werden. Es entsteht auf diese Weise im „Flow“ der kurzen Beiträge letztlich ein Gesamtbild der Aktivitäten anderer, in das die eigenen Beiträge eingebettet sind (s. Abb.).

Kollaboratives Wissensmanagement

Insofern die Twitterer (zumindest die deutschsprachigen) eher aus dem weiteren Umkreis der IT-Branche zu stammen scheinen (oder zumindest IT-affin sind), gehören zur alltäglichen Artikulation auch Informationen und Kommentare zu Neuigkeiten im Netz/Web 2.0. Daher stellt das Microblogging auch eine neue Form des kollaborativen Wissensmanagements dar. Entsprechend der kurzen und kurzlebigen Form des Twitter-Streams geht es hier – analog dem oben Gesagten – nicht um elaborierte Kommentare und Reflexionen, sondern um die spontane und instantane Weitergabe von Informationen in Form von Links oder Kommentaren. Zumindest im „Twitterverse“ haben sich zur Organisation von Informationen und Kommunikationen Workarounds etabliert. Für Internetforscher ist so etwas immer besonders interessant, weil es die eigentlichen mit einer Technologie verbundenen Nutzungsinteressen sichtbar macht. Im Fall von Twitter sind dies die so genannten „Hashtags“ (geposted in der Form #dasisteinhashtag), die dann auf der Seite hashtag.org automatisiert gesammelt und durchsuchbar gemacht werden. Ein zweiter, etwas aufwändigerer Workaround ist die Auslagerung von Hyperlinks auf externe Services wie z.B. twurl.cc oder tweetburner, die eingestellte Links nicht nur abkürzen (eine Notwendigkeit aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen), sondern auch eine Statistik über die Häufigkeit der Aufrufe. Der Aspekt des kollektiven Wissensmanagements lässt sich natürlich auch gezielt einsetzen – insofern liegt es nahe, über praktische Anwendungsmodelle für Microblogging-Technologien nachzudenken. Ein Beispiel hierfür ist die Möglichkeit, einen Twitter-Stream als oder beliebigen anderen Verstaltungen (z.B. Demonstrationen)zu verwenden. Da man auch per SMS twittern kann, stellt dies eine sehr niederschwellige kollektive Partizipationsmöglichkeit dar. (Eine Google-Suche bringt inzwischen unzählige „ways to use twitter“-Listen zutage). 2)Bei der Gelegenheit muss das Phänomen des „Social Stream“ zumindest erwähnt werden: Hierbei werden über bestimmte Anbieter, beispielsweise FriendFeed verschiedenster Aktivitäten eines Users im Netz zusammengeführt, also etwa Blogpostings, Twitter-Beiträge, neue Einträge auf Social Bookmarking-Plattformen wie del.icio.us etc. Diese sind dann per RSS wie ein Twitter-Stream öffentlich und abonnierbar. Vgl. meinen FF-Stream: friendfeed.com/joeriben

Fazit

Ob Microblogging sich auf breiterer Basis (hierzulande) durchsetzen wird, ist weiterhin nicht absehbar. Da die flächenmäßige Ausstattung mit preiswerten mobilen Datenflatrates (hierzulande) immer noch auf sich warten lässt. 3)Die Telekombranche blockiert m.E. mit ihrer Preispolitik – siehe die grotesken SMS-Preise – kommunikationstechnologische Innovation im Euroraum im Irrglauben, damit den eigenen Profit zu maximieren, was m.E. allenfalls sehr kurzfristig gilt, aber schon mittelfristig ökonomischer Unsinn ist.

Zusammenfassend kann man (in Bezug auf die Perspektive der Medienbildung) sagen, dass Microblogging-Technologien sich nicht (wie Weblogs) zu narrativen Selbstentwürfen eignen. Sie folgen vielmehr einer eher fragmentarischen Logik des niederschwelligen Bewusstmachens und Artikulierens alltäglicher Abläufe und Handlungen. Häufig geht dies mit einer Ästhetisierung des Alltäglichen einher: viele Twitterer verfassen ihre Beiträge als Miniaturen des Alltags (der Name Jaiku.com erinnert ja nicht umsonst an das japanische Haiku). Ein reflexives Moment kommt dabei vor allem durch die verbreitete Praxis des Kommentierens und Gegenkommentierens ins Spiel; ein anderer interessanter (mikrobiographischer) Aspekt liegt in dem schnell anwachsenden Protokoll über eigene alltägliche Aktivitäten. Insgesamt eröffnet sich hier ein interessantes und innovatives Feld, das sein Potenzial erst mit zunehmender „Mobilisierung“ des Internetzugangs auf breiter Basis entfalten wird. Ich für meinen Teil werde die Entwicklungen im Bereich des Mikrobloggings jedenfalls weiter im Blick behalten.

Meine del.icio.us-Links zum Thema: [delicious:twitter,joeriben,999,twitter] / [delicious:microblogging,joeriben,999,microblogging]

Siehe auch http://twitter.pbwiki.com/AcademicResearch

References   [ + ]

1. Burgess, Jean E.: Vernacular Creativity and New Media. PhD Thesis. Creative Industries Faculty, QUT. als PDF erhältlich via: creativitymachine.net/research/phd/
2. Bei der Gelegenheit muss das Phänomen des „Social Stream“ zumindest erwähnt werden: Hierbei werden über bestimmte Anbieter, beispielsweise FriendFeed verschiedenster Aktivitäten eines Users im Netz zusammengeführt, also etwa Blogpostings, Twitter-Beiträge, neue Einträge auf Social Bookmarking-Plattformen wie del.icio.us etc. Diese sind dann per RSS wie ein Twitter-Stream öffentlich und abonnierbar. Vgl. meinen FF-Stream: friendfeed.com/joeriben
3. Die Telekombranche blockiert m.E. mit ihrer Preispolitik – siehe die grotesken SMS-Preise – kommunikationstechnologische Innovation im Euroraum im Irrglauben, damit den eigenen Profit zu maximieren, was m.E. allenfalls sehr kurzfristig gilt, aber schon mittelfristig ökonomischer Unsinn ist.