Die virtuelle Zukunft der universitären Lehre? (hat bereits begonnen)

Vor einigen Wochen hatte ich während einer Seminardiskussion laut darüber nachgedacht, dass das derzeit so gehypte Second Life eine ähnliche Eigendynamik entfalten könnte wie in den 90ern das WWW: Man hält es zunächst für eine Spielwiese für Nerds ohne Nutzen für die breite Masse. Ein paar Jahre später ist es, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, zum Alltag der meisten Menschen geworden.

Eine neue Technologie wird dann zum Standard, wenn ihre Anwendung so deutliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, dass niemand es sich leisten kann, auf sie zu verzichten. Sowohl für wirtschaftliche Organisationen als auch für öffentliche Institutionen, die derzeit in Second Life sehr aktiv werden, liegen diverse Vorteile auf der Hand – so etwa der preiswerte virtuelle Raum, durch den beispielsweise Universitäten sehr viel an laufenden Kosten einsparen könnten.

Diese Entwicklung ist bereits manifester als ich dachte: Cnet berichtet von den Ideen des Kanzlers des California State University-Verbundes (400.000 Studierende), nur noch einen Präsenztag pro Woche abzuhalten und den Rest der Zeit in virtuellen Umgebungen zu lehren, also von der Präsenz-Lehre zum blended learning überzugehen.

Immerhin haben, wie der Artikel berichtet, bereits mehr als 70 Unversitäten ihren eigenen Insel-Campus errichtet – was mit Kosten von 980 US$ für die Insel, 150 US$ monatlicher Gebühr und v.a. wesentlich höheren Aufbau- und Wartungskosten verbunden ist (Bild: Campus auf Eduisland, Second Life). Erste Bestrebungen, e-Learningsysteme in Second Life zu integrieren, sind bereits in der Erprobung (Second Life + Moodle = Sloodle; hier dazu ein Whitepaper).

Einer der wesentlichen Nachteile von Second Life, nämlich die Textbasiertheit der Chats, ist offenbar in Zusammenarbeit mit dem Serviceanbieter Vivox.com überwunden, der ein entfernungsgesteuertes Voice-Chat-System für Secondlife anbietet. Zudem gibt es bereits Skriptsammlungen für Tafeln, ppt-Beamer, Aufzeigegesten (und hoffentlich auch für den strengen Blick, der nötig ist, die Störer aus den hinteren Sitzreihen zur Ruhe zu bringen – denn die entfalten ihre Wirkung im Proximity-Voicechat ja genau wie im RL).