„Medienbildung“ in 5 Sätzen

Es ist nun bereits vier Jahre her, dass unser UTB-Band „Medienbildung – eine Einführung“ (Marotzki/Jörissen 2009) veröffentlicht wurde. Ich habe in den letzten vier Jahren über 30 Vorträge zum Thema Medienbildung – in unterschiedlichsten Kontexten – gehalten. Dabei erfahre ich anhand der Rückmeldungen und Diskussionen immer wieder, dass ein großes und steigendes Interesse an unserem Verständnis von Medienbildung besteht. Dieses ist in seiner akademischen Ausformulierung, im Schnittfeld von Bildungstheorie und Medientheorie, eine theoretisch nicht ganz unkomplizierte Sache. Ich möchte unser Konzept daher an dieser Stelle in aller Kürze anhand einiger Thesen möglichst allgemeinverständlich vorstellen und damit zum Weiterlesen einladen.

In fünf Sätzen

  1. Medienbildung ist Bildung in einer von Medien durchzogenen – „mediatisierten“ – Welt.
  2. Medienbildung ist daher nicht nur Bildung über Medien (Medienkompetenz) und nicht nur Bildung mit Medien (e-learning).
  3. „Bildung“ meint nicht nur Lernen, auch nicht Ausbildung, pädagogische Vermittlung oder altbürgerliche „Gebildetheit“, sondern: Bildung bezeichnet Veränderungen in der Weise, wie Individuen die Welt (und sich selbst) sehen und wahrnehmen – und zwar so, dass sie in einer immer komplexeren Welt mit immer weniger vorhersehbaren Biographien und Karrieren zurechtkommen, Orientierung gewinnen und sich zu dieser Welt kritisch-partizipativ verhalten.
  4. Medien bestimmen wesentlich die Strukturen von Weltsichten, sowohl auf kultureller Ebene wie auch auf invididueller Ebene: Orale Kulturen, Schrift- und Buchkulturen, visuelle Kulturen und digital vernetzte Kulturen bringen jeweils unterschiedliche Möglichkeiten der Artikulation (des Denkens, des Ausdrucks, der Kommunikation, der Wissenschaften, der Künste) hervor.
  5. Medienbildung ist also der Name für dafür, dass die Welt- und Selbstverhältnisse von Menschen mit medial geprägten (oder konstituierten) kulturellen Welten entstehen, dass sie sich mit ihnen verändern – und vor allem auch dafür, dass Bildungsprozesse Neues hervorbringen können: neue Artikulationsformen, neue kulturelle/individuelle Sichtweisen und nicht zuletzt neue mediale Strukturen.

… und noch ein paar Sätze mehr …

Wie man sieht, bezieht sich Medienbildung also nicht primär auf Medien als Gegenstand – vielmehr stellt Medialität eine Grundlage jeder Bildung dar. Diese Grundlage entzieht sich unserem Blick, denn wir sehen „die Medien“ nicht: wir sehen nicht „das Fernsehen“, hören nicht „das Radio“, wir benutzen nicht „das Internet“. Aufgabe der Medienbildung als erziehungswissenschaftliches Paradigma ist es also, sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die forschungsmethodischen Grundlagen dafür zu schaffen, die komplexen Strukturen sichtbar zu machen und ihre Bildungspotenziale aufzuzeigen.

Richtig komplex wird es übrigens dort, wo eine gewisse Zweischneidigkeit sowohl medialer Welten als auch von Bildung selbst in den Blick gerät: Medialer Ausdruck und mediale Orientierung, mediales „Mitmachen“ ist nicht nur im alten Sinn bildsam, sondern es gehört auch auf mehreren Ebenen ökonomischen Logiken an (Aufmerksamkeitsökonomie, öffentliches Identitätsmanagement, Allmende- und Selbstausbeutungsökonomien, Kommerzialisierung der sozialen Begegnungsorte im Internet) – so wie auch die Forderung nach Bildung und sogar nach Reflexivität nicht nur Freiheiten, sondern auch Unterwerfungseffekte bewirkt (Stichwort „Gouvernementalität„; s. in bildungstheoretischer Hinsicht Norbert Ricken: Die Ordnung der Bildung).

Wie man sieht, sind Kompetenzherstellung in Bezug auf Medien (inklusive Bildungsstandards) einerseits und instrumentelle Nutzung von Medien Aspekte, die innerhalb einer anspruchsvollen Medienbildungskonzeption verortet (auch kritisch verortet) werden können – Anspruch unseres Medienbildungskonzepts ist es – und es sollte Anspruch aller unter diesem Titel firmierenden Projekte sein –, Medialität in ihrem gesellschaftlichen, zeitdiagnostischen und auch in ihrem anthropologischen Zusammenhang zu sehen.

Schließlich, die Praxisfrage …

Häufig taucht die Frage auf, wie solche Medienbildungskonzepte in die pädagogische/medienpädagogische Praxis „umgesetzt“ werden können. Dahinter steckt ein alter pädagogischer Klassiker, nämlich die Theorie-Praxis-Problematik. Die Medienbildungstheorie ist keine „Didaktik der Medienpädagogik“ – die es übrigens bisher nicht gibt (Google-Test!), die aber aus einer Medienbildungstheorie heraus entwickelt werden könnte und sollte. Sie ist noch viel weniger eine Methodik der Medienpädagogik. Vielmehr bietet sie konzeptionelle, methodologische und empirische Orientierung. Damit gibt sie MedienpädagogInnen – und nicht nur diesen – vielfältige Reflexionsanreize: sowohl die Frage betreffend, was man eigentlich „vermittelt“, wenn man „Medien“ vermittelt, wie auch die Frage, mit welchen Lern- und Bildungkonzepten man dies macht, und wie diese in die heutige, medialisierte und globalisierte Welt (auch kritisch) einzuordnen wären. – Dies ist es zumindest, was ich – neben Nachfragen aufgrund berechtiger Irritation (Irritation ist ein guter Bildungsanstoß!) – immer wieder als Rückmeldung erhalte.