Neues Buch: "Beobachtungen der Realität"

Soeben erschienen:

Jörissen, Benjamin (2007): Beobachtungen der Realität. Die Frage nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien. Bielefeld: transcript.

Juli 2007, 282 S., kart., 27,80 €
ISBN: 978-3-89942-586-4

Klappentext:
Seit jeher werden Medienumbrüche von der Sorge vor „Wirklichkeitsverlusten“ begleitet – so auch in den Debatten, die die neuen Medien- und Bildtechnologien betreffen. Doch was verstehen wir eigentlich unter „Wirklichkeit“? Die lässig-postmoderne Auskunft, Wirklichkeit sei ohnehin nur Illusion und Konstruktion, ist sowohl theoretisch als auch (angesichts unserer „virtuellen“ Erfahrungen im Cyberspace) praktisch unbefriedigend. Wie können wir also – nach dem Verlust traditioneller Ontologien – noch über Wirklichkeit sprechen? Das Buch verfolgt diese Frage aus historisch-anthropologischer sowie bildungs- und erkenntnistheoretischer Perspektive.

Es geht in dieser überarbeiteten Fassung meiner Dissertation primär darum, die Frage bzw. „das Fragen“ nach der Realität selbst zu hinterfragen (und nicht etwa darum, diese Frage aufzuwerfen – das ist (mindestens) im ganzen letzten Jahrhundert schon reichhaltig geschehen und wäre nicht sehr originell).

Die Frage nach „derealisierenden“ Effekten von Bildern und Medien ist ja bereits sehr alt (die These ist ja bereits bei Platon zu finden, was im ersten Kap. rekonstruiert wird). Angesichts der zunehmenden Bedeutung der „Virtualitätslagerung“ (Marotzki), von der wir kürzlich (Second Life) einen weiteren Vorgeschmack erhalten haben (meine Einschätzung; s. auch das vorangehende Posting zum Metaverse Roadmap Project), ist diese Frage, auch wenn sie ontologisch naiv gestellt wird, als Sorge durchaus nicht unberechtigt. Denn ein Verlust von „Realitätskontakt“ ginge zwangläufig mit hochproblematischen Erfahrungsverlusten und entsprechenden kulturellen und sozialen Folgeerscheinungen einher.

Wie aber soll man dies angesichts der „Krise der Repräsentation“, die uns postmodernes und konstruktivistisches Denken (glücklicher- weil befreienderweise) beschert haben, noch beurteilen?

Die Arbeit plädiert für ein anti- oder „post-repräsentationalistisches“ Verständnis von „Realität“, die, vereinfacht gesagt, in der Möglichkeit der Erfahrung von Alterität (von Anderen/Anderem) liegt. Im Vermittlungsfeld einer (systemthoeretisch inspirierten) „Beobachtertheorie“, einer „verkörperten“ Erkenntnisanthropologie sowie einer kritischen Relektüre der „Philosophie der Sozialität“ des späten George Herbert Mead wird ein komplexes Modell von „Realität“ sichtbar, das diese als das Korrelat eines situativen, „emergenten“ Zusammenhangs von Beobachtern vorstellt.

Genau dies aber ist nun nicht mehr an vermeintlichen „Realitäten“ festgemacht, wie etwa Dingen und „Körpern“ (die als Objekte nämlich immer auch Konstrukte sind). „Medial vermittelte“ Sozialität wird somit aus erkenntnisanthropologischer Perspektive der vermeintlich unvermittelten „empirischen“ Realität vergleichbar gemacht, was die Chancen auf „Realitätskontakt“ angeht. Die Bildungsrelevanz medialer und virtueller Welten wird somit anthropologisch untermauert.

Der letzte Punkt des Resümees (S. 253):
„In den Neuen Medien entstehen neue Formen des Sozialen. Die neuen, interaktiven Bilder folgen nicht einer schlichten Logik der Abbildung, Repräsentation oder Simulation: vielmehr gehören sie einer Ordnung des sozialen Ereignisses an. Bilder ermöglichen in den Neuen Medien die Entstehung von dichten, emergenten sozialen Situationen. Sie ermöglichen ludische und rituelle Umbestimmtheitsräume, in denen Prozesse der Distinktion und der Gemeinschaftsbildung, der Habitualisierung, Sozialisation und wesentlich auch visuell vermittelter Bildungerfahrungen ermöglicht werden.

Nicht nur sind pauschale Derealisierungsbefürchtungen angesichts dieser Sachlage zurückzuweisen. Aus der Sicht einer antirepräsentationalistischen, beobachtungstheoretisch reflektierten Auffassung von Realität kann festgestellt werden, dass die Neuen Medien durchaus neue Kulturräume für »reale« soziale Situationen bereitstellen: erstens im Sinne des Umstands, dass die Aktionen und Vollzüge in virtuellen Räumen als solche soziale Handlungsrealitäten konstituieren (sind es virtuelle, so sind es daher keine »falschen realen«, sondern »wahre virtuelle« Vollzüge); zweitens im Sinne der entstehenden emergenten sozialen Situationen, in denen sich Gemeinschaften aufführen und – wie im gemeinsamen Mannschaftsspiel – bewähren; drittens schließlich in den Erfahrungsmöglichkeiten von Alterität, die in den tentativen Spiel- und Freiräumen der Neuen Medien neue Formen des Selbst- und Weltentwurfs ermöglichen und befördern.“

Weitere Informationen, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: http://www.transcript-verlag.de/ts586/ts586.htm

Studierende erhalten auf Anfrage wie immer die Möglichkeit, ein vergünstigtes Autorenexemplar zum Selbstkostenpreis zu erwerben.