BMBF-gefördertes Projekt zu Wirksamkeiten mehrtägiger musikpädagogischer Interventionen startet

Der Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Kultur, ästhetische Bildung und Erziehung wird in den nächsten drei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Lehrstuhl für empirische Unterrichtsforschung (Stephan Kröner), der Hochschule für Musik Würzburg (Andreas C. Lehmann) und dem Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS; Johannes Hasselhorn) das BMBF-geförderte Verbundvorhaben Kondensiertes Glück? Mehrtägige musikpädagogische Interventionen: Determinanten der Teilnahme, wirksame Gestaltungsmerkmale und Effekte auf Kompetenzen und Persönlichkeitsentwicklung durchführen. Das Vorhaben ist in zwei Teilprojekte unterteilt: Teilprojekt 1 (Lehmann/Hasselhorn) widmet sich der Adaption von Kompetenztests und Fragebogenskalen für den Einsatz in Feldexperimenten zu musikpädagogischen Interventionen ; es entwickelt somit das vorhandene Forschungsinventar entscheidend weiter. Teilprojekt 2 (Kröner/Hasselhorn/Jörissen) führt eine Serie musikpädagogischer Feldexperimente zu Determinanten und Effekten musikpädagogischer Interventionen im Rahmen eines komplexen mixed methodology-Designs durch.

Das Erlanger Forschungsinteresse im Rahmen dieses interdisziplinär ausgesprochen spannend zusammengesetzten Projekts lässt sich auf folgende Kernaspekte bzw. -fragen fokussieren:

  1. In Bezug auf die Frage und Problematik einer Wirkungsforschung im Feld der Kulturellen Bildung, die, unter anderem inspiriert von den (forschungspragmatisch allerdings wenig realistischen) Forderungen Rittelmeyers, sich für die ästhetischen und sozialen Komplexitäten sensibilisieren muss, wenn sie nicht bloß gröbstes Steuerungswissen produzieren will, gehen wir davon aus, dass nur ein Mehrebenenvergleich auch in qualitativer Forschungsperspektive eine angemessene Komplexität erzeugen kann:
    1. Dazu begreifen wir erstens die etablierte, institutionell geschaffene (kulturpädagogische) Lehr-Lernsituation der Musikfreizeit als soziales Ritual (vgl. Wulf u.a. 2001, 2004, 2007) und erforschen es entsprechend sowohl in seinen performativen Aspekten. Dieses Material wird auf der quantitativen Seite aber auch zur Kontrolle Interventionssettings und somit Qualitätssicherung des quant. Studienteils verwendet.
    2. Wir erheben auf einer enger fokussierenden Ebene mittels narrativer Interviews subjektive Erlebnisqualitäten in ihrer biographischen (identitätsrelevanten) Einbettung. Die Auswertungsergebnisse werden ergebnistriangulierend  mit den quantitativ (hypothesengeleitet konstruierten) gemessenen Effekten konfrontiert, auf Muster und mögliche Zusammenhänge hin befragt.
    3. Schließlich beziehen wir den von Rittelmeyer geforderten Aspekt der Strukturanalyse der ästhetischen Gegenstände ein, gehen aber im Sinne des material turn deutlich darüber hinaus, indem es uns nicht „nur“ um die abstrakten ästhetischen Strukturaspekte auf Werk- oder Genreebene, sondern auch um die einbezogenen Materialitäten und ding-räumlichen transaktionalen Settings (Nohl 2013) – mithin um ein als transaktionaler Prozess begriffenes „musicking“ (Small 1998) – geht. Diese Ergebnisse werden in den Erhebungs- und Auswertungsphasen mit der quantitativen Untersuchung von Wirkungen und Effekte der Musikfreizeit in Bezug gesetzt.
  2. Soweit ich sehe, ist im Forschungsfeld der Wirkungs- und Transferforschung zwar eine große Methodenbreite vorhanden, jedoch eine solche – logischerweise ausgesprochen spannungsreiche –Berührung von hypothesentestenden und rekonstruktiven Methodologien noch nicht versucht worden. Insofern ist das Projekt auf methodologischer Ebene hochgradig explorativ und auch sicher nicht unriskant, aber gerade darin wichtig: Es fragt im Rahmen eines  „fully integrated“-Designs (Teddlie/Tashakkori 2006; 2009) auf einer methodologischen Meta-Ebene anhand einer konkreten empirischen Studie danach, inwieweit, und auch mit welchen Grenzen, solch unterschiedliche Forschungsstile (vgl. Bohnsack 2005) im Feld der Forschung zur kulturellen Bildung miteinander kooperieren können, und ist insofern auch methodologisch komplexer als das eher klassische mixed-methods-Design unseres BMBF-Projekts zu Postdigitalen kulturellen Jugendwelten. Wenn dies im erwarteten Maße gelingt, hoffen wir damit auch ein methodologisches Modell zu schaffen.

Hier ein Auszug aus der Zielbeschreibung des Projekts:

Mehrtägige Maßnahmen zur Förderung kultureller Partizipation bei Jugendlichen sind nicht nur aus subjektiver Sicht der Teilnehmenden Höhepunkte im Alltag, es wird auch immer wieder gemutmaßt, dass sie nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflussen. Dies gilt insbesondere für musikpädagogisch ausgerichtete Interventionen. Diese Relevanz mehrtägiger musikpädagogischer Interventionen steht in scharfem Kontrast zu einem in mehrfacher Hinsicht bestehenden Forschungsbedarf: (1) Determinanten der Teilnahme: Wer nimmt an musikpädagogischen Interventionen teil? Und was macht diese aus Sicht der Teilnehmenden bedeutsam? (2) Gestaltungsmerkmale: Welche Merkmale der Interventionen können für etwaige Effekte verantwortlich sein? (3) Effekte: Welche fachlichen (musikalischen, performativen) und überfachlichen (vor allem sozialen) Kompetenzen erwerben die Jugendlichen im Rahmen der Interventionen? (4) Aptitude-Treatment-Interaction-Effekte: Profitieren unterschiedliche Gruppen in unterschiedlicher Weise?

Wir gehen diesen Zielen im Rahmen eines in zwei Teilprojekte gegliederten Verbundantrags nach, dessen Teilprojekte im Rahmen eines Mixed-Methods Designs miteinander verzahnt sind: (1) Ein Projekt zur Adaption von Kompetenztests und Fragebogenskalen für den Einsatz in Feldexperimenten zu musikpädagogischen Interventionen; (2) Ein Projekt mit einer Serie musikpädagogischer Feldexperimente zu Determinanten und Effekten musikpädagogischer Interventionen, ergänzt um Videographie sowie kombiniert mit qualitativen Interviews mit aktuellen und ehemaligen Teilnehmenden.